Sophie Hunger: Augsburg feiert die Sängerin auf dem Brechtfestival

Ausverkauftes Haus in Augsburg: Sophie Hunger kommt! Zur langen Brechtnacht hatte das Brechtfestival geladen. Ein Highlight war der Besuch der Schweizer Musikerin. Mein Pech, just an diesem Tag krank zu sein. Mein Glück, dass niemand Zeit hatte, mir mein Ticket abzunehmen. Also Aspirin rein, Zähne zusammen beißen und trotzdem los. Die beste Entscheidung der Woche! Es war ein grandioses Konzert. Facettenreich, raffiniert, immer wieder ganz unerwartet.

Sophie Hunger und Bertolt Brecht?

Was hat Sophie Hunger mit Bertolt Brecht zu tun? Ich habe keine Ahnung. Aber angesichts des unverhofften Glücks, sie hier im Großen Haus des Theaters Augsburg erleben zu dürfen, macht mir das auch gar nichts aus. Weil ich mir jedoch vorgenommen hatte, als Neu-Augsburgerin im Februar und März anlässlich des Brechtfestivals den großen Dichter ins Visiert zu nehmen, treibt mich die Frage dann doch um. Im offiziellen Programm findet sich kein Hinweis. Na gut, vielleicht noch dies: “Ihre Songs sind aufgebaut wie kleine Theaterstücke, atmosphärische Dramen”. Stimmt, viele Stücke entfalten dramatische Wucht voller überraschender Wendungen. Aber Brecht? Die Moderatorin, die den Abend eröffnet, gibt sich redlich Mühe: Sie habe Sophie Hunger eben gefragt, was sie mit Brecht verbinde. Die Antwort: “Wir sprechen die gleiche Sprache. Und wir spielen beide Gitarre.”

Brechts erotische Seite

Wird Sophie Hunger sich überhaupt dazu äußern, dass sie gerade auf dem Brechtfestival zu Gast ist? Als die Sängerin auf die Bühne tritt, legt sie ein kleines Büchlein auf den Flügel. Bis zum Ende des Konzerts bleibt es dort liegen und ist bei den meisten Zuhörern wohl längst vergessen. Erst als Sophie Hunger es wieder in die Hand nimmt, entpuppt es sich als ein Gedichtband von Brecht. Aber nicht irgendeiner. “Ich zeig denen mal da auf ihren Theatersesseln, was ihr Brecht für einer war”, mag sie sich gedacht haben, als sie sich für diesen Band mit erotischen Gedichten entschieden hatte, nun darin herumblätterte und feixend den Kopf schüttelte ob all dieser schlimmen Ausdrücke. “Nein nein, das kann ich nicht vorlesen”, murmelt sie blätternd und findet dann doch eines, das eine tolle Liebelei auf grüner Wiese recht anschaulich und derb in Worte kleidet. Also, diesen Brecht haben wir in der Schule tatsächlich auch nicht kennengelernt…

Die “Supermanwoman” Sophie Hunger mischt Augsburg auf

Klavier, Akustik- und E-Gitarren, Flügelhorn, Klarinette – die Band rund um Sophie Hunger bringt jeden Sound auf den Punkt. Über allem schwebt ihre warme, mal brüchige, mal klare Stimme, auf Englisch, Deutsch, Französisch oder Schwitzerdütsch. Mühelos wechselt sie von zarter Ballade hin zu grellem Punk, von Folk zu Jazz. Und viele der Stücke breiten sich vom souligen Geschichtenerzählen in unerwartete Jazz-Sequenzen aus. Wunderbar, diese “Supermanwoman”, wie sie sich in einem ihrer Songs nennt.

“Ich war noch nie in … Augsburg” – Sophie Hunger lässt sich nicht fassen

Ganz im Gegensatz zum kraftvollen, warmen Gesang stehen die zarten, geradezu mädchenhaft leisen Töne von Hungers Ansagen: “Ich war noch nie in … Augsburg”, wispert sie nach den ersten Songs ins Mikrofon. “Stimmt nicht!”, tönt es von den oberen Rängen zurück. “Oh stimmt. Nicht, dass Ihr keinen Eindruck hinterlassen hättet”, kokettiert sie. Aber ist das Koketterie? Ein bisschen Ratlosigkeit bleibt. Ein wenig Rätseldunst umschwebt sie, und das im besten Sinne.

Unberechenbar und facettenreich

Wie schon in den TV-Interviews vergangener Jahre lässt sie sich nicht festlegen. In der Show “Anke hat Zeit” bescheinigt sie der sonst so schnellen Anke Engelke, in der Probe sei diese aber schlagfertiger gewesen. Und Sophie riet dem Medienprofi Engelke sogar, doch bitte weniger zu fluchen, wenn sie international Erfolg haben wolle: “Wenn, dann musst du etwas richtig Krasses sagen. Nicht so diese Mittelfluch-Sachen, die alle sagen.” Empfahl’s ganz leichtfertig und ließ die sonst so wortgewandte Anke recht schmallippig zurück. Bei “Schulz & Böhmermann” im Januar 2016 antwortete sie auf die Frage, ob sie mit Geld umgehen könne, mit: “Ja, aber ich wollte eigentlich etwas sagen über das Sterben.” Ähnlich unberechenbar und immer neu und aufregend facettenreich ist der Konzertabend. Ein Glück für alle, die das Konzert noch vor sich haben. Es folgen noch jede Menge Stationen auf dieser “Supermoon”-Tour. Zwei Tage nach dem Augsburger Auftritt gastiert Sophie Hunger im E-Werk in Erlangen. Grund genug, alte Freunde zu besuchen und der Magie noch einmal zu erliegen.

Was es sonst noch gab bei der Langen Brechtnacht

Die Wirkung der Aspirin reichte bei mir, leider leider, nur für eine Veranstaltung der Langen Brechtnacht. Dabei hatte das Brechtfestival an diesem Abend noch weit mehr zu bieten. Was ich alles verpasst habe:

  • Christian Friedel & Woods of Birnham: Arturo ui Redux, Großes Haus
  • Màs que tango – Zuhälterballaden, Hoffmannkeller
  • Kemal Dinc & Antonis Anissegos: Hikmet / Brecht in der Brechtbühne
  • Beat, Jazz & Spoken Word im Jazzclub
  • Die Vaterstadt – wie empfängt sie mich wohl? im Lamm

Sophie Hunger Supermoon Tour

In Reutlingen, Berlin und St. Gallen sind die Karten schon weg, aber es gibt aktuell noch Karten für weitere Stationen der Tour. Hier die Tourdaten.

Wer war da? Wer geht noch hin?

Hinterlasst mir doch unten im Kommentarfeld ein paar Eurer Eindrücke!

Wissenswertes für Neu-Augsburger

Neu-Augsburger wie ich lernen aus dem Sophie-Hunger-Konzert dies:

  1. Nicht überall, wo Brecht draufsteht, ist auch Brecht drin. Das macht gar nichts, im Gegenteil.
  2. Hinter dem Brechtfestival stecken viele Kleinode an Events: Daher viel Zeit im Februar freischaufeln.
  3. Frühzeitig im Tickets kümmern. Die Highlights sind schnell ausverkauft.
Porträt Sophie Hunger:  Thomas Springer, Wikimedia Commons, Lizenz CC0