Wahlabende haben in sprachlicher Hinsicht selten etwas zu bieten.  Höchstens, wer sich mit Floskeln beschäftigt, wird an solchen Tagen fündig. Dabei wünschen wir uns einfach mal Tacheles. Eine kleine Beleidigungskunde.

Update 2020, hier mal zwischengeschoben:

In diesem Artikel geht es um die oft ausweichende Sprechweise von Politerinnen und Politikern, zugespitzt unter dem Thema Beleidigungen. Als ich den Beitrag geschrieben habe, war die Debatte allerorten noch nicht so von Schwarz-Weiß-Denken und ungebremsten Beleidigungen geprägt wie sie es heute ist. Ich distanziere mich mittlerweile von dem Artikel, lasse ihn aber trotzdem stehen, weil das Thema “Um den heißen Brei herumreden” immer noch aktuell ist. Womit ich aber NICHTS zu tun haben möchte, ist dieses mittlerweile so oft auftauchende “Das muss man doch mal sagen dürfen” etc. Wollte es nur geschrieben haben…

Das ist der ursprüngliche Artikel:

„Unsere Erwartungen haben sich erfüllt“, „Jetzt warten wir erst einmal das amtliche Endergebnis ab und dann sehen wir weiter“, „Nicht alle unsere Wahlziele sind eingetreten.“ Satte Statements erwarten die Wähler nach dem Schließen der Wahllokale meist vergeblich – zumal gerade bei Landtagswahlen häufig erst die Stimme von höchster Bundesebene abzuwarten ist.

Vollpfosten in der CSU?

Zum Glück rutscht hin und wieder jemand sprachlich aus wie im Jahr 2015 nach der Hamburger Bürgschaftswahl, als Grünen-Geschäftsführer Michael Kellner den CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer damit konfrontierte, unter seinen Parteikollegen seien viele „Vollpfosten“. Endlich mal eine wohltuende Entgleisung am Wahlabend! Einen zarten Zusammenhang dieses Begriffs mit der CSU stellt sich übrigens auch bei einer Google-Suche ein, zumindest über zwei Ecken. Als Alternative zu „Vollpfosten“ nennt Google „Vollhorst“.

Wer sind denn nach den Landtagswahlen 2016 die Vollpfosten? Und welche Farbe haben sie?

In der „Berliner Runde“ am Wahlabend der Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz 2016 trafen Kellner und Scheuer erneut aufeinander. Leider ohne „Vollpfosten“ diesmal. Vielleicht weil sich alle einig waren, dass angesichts dramatischer Ergebnisse die Pfosten diesmal woanders zu finden seien.

„Es gibt zu viele braune Vollpfosten in diesem Land“

Braune VollpfostenDie Plakatkünstlerin Barbara jedenfalls brachte das Wort über Facebook wieder auf. Passend.

Woher kommt eigentlich das Wort „Vollpfosten“?

Kaum vorstellbar: Wir Deutschen sind früher mal ganz ohne „Vollpfosten“ ausgekommen. Natürlich gab es immer Volltrottel, Vollidioten und unsägliche Personen. Aber sie „Vollpfosten“ zu nennen, ist , sondern nur ohne die Bezeichnung. Denn erst 2013 nahm der Duden das Wort in sein Wörterbuch auf. Und zwar gleichzeitig mit dem „Shitstorm“. Vorher kursierte es bereits unter Jugendlichen. Vollpfosten DudenIn meiner alten Duden-Ausgabe indes noch keine Spur vom „Vollpfosten“. Dabei würde er hier so gut herpassen, zwischen

  • Vollnarkose,
  • Vollpappe,
  • Vollpension,
  • voll pfropfen und
  • Vollrausch.

 

Duden: Sehr dumme Menschen, wie im Vollrausch

Im Online-Duden finden wir ihn dennoch. Demnach bedeutet „Vollpfosten“ im „saloppen“ Sprachgebrauch: „sehr dummer Mensch“. Auch ein Beispiel hat die Duden-Redaktion parat: „Der Vollpfosten hat sich total besoffen ans Steuer gesetzt.“ Hier taucht zumindest der Vollrausch aus unserer „Vollpfosten“-freien Ausgabe wieder auf! Also war er doch irgendwie immer schon da. Zum Duden-Beispiel: Wir wissen nicht, ob sich besonders viele CSU-Mitglieder dadurch auszeichnen, sich im volltrunkenen Zustand als Autofahrer zu betätigen, aber wir verstehen dennoch, was gemeint ist.

Warum aber „Vollpfosten“?

Die meisten Deutungen gehen davon aus, dass damit Parallelen im Intelligenzvermögen gezogen werden. Oder aber jemand agiert so dümmlich, als sei er gerade gegen einen Türpfosten gelaufen. Ob auch eine weibliche Person „Vollpfosten“ genannt werden darf, ist fraglich. Derzeit fehlen im Duden jedenfalls noch Vorschläge für eine feminine Form. Eine Idee für eine geschlechtsneutrale Form wäre eventuell „Vollpföstin“. Aber wir wollen ja nicht übertreiben. Heute verwenden Jugendlich das Wort meist weniger häufig als einige Erwachsene, die sich betont jung geben möchten.

Wann wird die „Vollpfosten“-Ansage teuer?

Die bekannten Fälle variieren deutlich im Strafmaß:

  • 2014 zahlte ein Hausmeister 525 Euro Geldstrafe, nachdem er einen Polizisten am Flughafen Langenhagen derart bezeichnet hatte,
  • 2013 nannte ein 39-Jähriger einige Polizeibeamte „Vollpfosten“ und „Fettsäcke“ und erhielt dafür einen Geldstrafe von 2400 Euro und
  • 15.000 Euro blechte 2011 Fußballer Arjen Robben, weil er nach dem Abpfiff den Schiedsrichter mit „Vollpfosten“ beschimpfte.

Beleidigungen im Straßenverkehr

Beschreibung Strafe
“Du Mädchen!” (zu einem Polizisten) 200€*
“Dumme Kuh” 300€*
“Du blödes Schwein!” 475€*
Scheibenwischer-Geste 1000€*
Stinkefinger zeigen 4000€*
“Du Wichser” 1000€*
“Idiot” 1500€*
“Am liebsten würde ich jetzt Arschloch zu dir sagen!” 1600€*
“Schlampe” 1900€*
“Alte Sau” 2500€*

* Diese Strafen stammen aus diversen Gerichtsurteilen. Sie können nach individuellem Fall abweichen und richten sich nach dem Verdienst des Betroffenen. Quelle: Bußgeldkatalog

Politiker beleidigen, aber richtig!

Der „Vollpfosten“ ist zahm – machen wir uns nichts vor. Wir alle kennen weitaus deftigere, saftigere Ausdrücke. Warum nur bekommen wir nicht mehr geboten, wenn sich Politiker mal an den Kragen wollen? Wischiwaschi allerorten. Da loben wir uns die guten alten Zeiten. Auch wenn es ums Fluchen geht, war früher alles besser. Klare Kante.

“Schnauze, Iwan!” (Franz-Josef Strauß)

Rot bleibt Rot? Jedenfalls betitelte Franz-Josef Strauß 1951 derart den KPD-Abgeordneten Heinz Renner.

„Hodentöter“ (Herbert Wehner)

Als kleine Wortspielerei über den CDU-Abgeordneten Jürgen Todenhöfer.

„Genosse Arschloch“ (Herbert Wehner)

Gegenüber dem SPD-Abgeordneten Franz Josef Zebisch.

„Übelkrähe” (Herbert Wehner)

Namensspiele mit dem CDU-Abgeordneten Jürgen Wohlrabe.

„Ehrabschneider“ (Herbert Wehner)

Über Parlamentskollegen Oscar Schneider.

„Geistiges Eintopfgericht.“ (Herbert Wehner)

Über Georg Kliesing.

“Sie sind ein Flegel.” (Herbert Wehner)

Zu Helmut Kohl (1977).

“Christliche Dreckschleuder.” (Joschka Fischer)

Zu Walter Althammer (CSU) im Jahr 1983.

“Mini-Goebbels.” (Dietmar Kans)

Über Otto Schily, 1983.

“Rotzjunge.” (Hermann Scheer)

Zu Volker Rühe 1983.

“Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch.” (Joschka Fischer)

Zu Bundestagsvizepräsident Richard Stücklen, 1984.

“Sie verkörpern Dick und Doof in einer Person.” (Karsten Voigt)

Zu Martin Bangemann, 1986.

“Lügen haben kurze Beine, kürzer sind dem Vogel seine.” (Heiner Geißler)

Über Hans-Jochen Vogel, 1989.

“Alternder Lümmel.” (Rupert Scholz)

Zu Joschka Fischer, 1998.

“Freches Luder.” (Peter Ramsauer)

Zu Kristin Heyne, 1999.

“Sie sind ein Brüllaffe.” (Peter Ramsauer)

Zu Rezzo Schlauch, 2000.

„Adeliger Klugscheißer“ (Theo Waigel)

Damit meinte er den FDP-Politiker Otto Graf Lambsdorff.

„Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen“ (Ronald Pofalla)

In einem Wutanfall 2011 gegenüber Wolfgang Bosbach.

Grundgesetz?- „Lass mich mit so einer Scheiße in Ruhe.” (Ronald Pofalla)

In gleichen Wutanfall gegenüber dem selben Wolfgang Bosbach.

“Dem Kubicki ist wohl die Schweinegrippe aufs Gehirn geschlagen” (Alexander Dobrindt)

Über Wolfgang Kubicki.

Warum nur so zahm?

Immer seltener fallen Politiker durch gewitzte und originelle Verballhornungen auf. Liegt es am Mangel an Persönlichkeiten vom Format eines Herbert Wehner? Es kursieren auch Vermutungen über den Zusammenhang mit der Architektur des Parlaments: In der Bonner Republik hockten die Abgeordneten noch dicht auf dicht beisammen. Da kochte schneller mal die Stimmung. In der gläsernen, funktional-modernen Weite des Berliner Reichtstages herrscht dagegen eine eher nüchterne Atmosphäre. Der frühere CDU- Arbeitsminister Norbert Blüm bescheinigte dem Bau: „Der Berliner Plenarsaal ist kein Ort des Dialogs, sondern verleitet zum Kundgebungsstil.“

Lieber mal Klartext

Da braucht es vielleicht doch ausufernde Polit-Talks, damit das Blut mal wieder in Wallung gerät. Lieber mal klare Worte als Politiker-Diplomatie. Das erinnert mich an ein Interview, das die Moderatorin Anke Engelke 2013 mit der Songwriterin Sophie Hunger geführt hatte. Die Musikerin hatte Frau Engelke ohne mit der Wimper zu zucken geraten: “Wenn Du schon fluchst, dann musst du richtig krasse Sachen sagen. Nicht so Mittelfluch-Sachen, die alle sagen.” Mein Favorit an Poliker-Schmäh ist in stilistische Hinsicht übrigens immer noch Joschka Fischers Zitat “Mit Verlaub… Arschloch”. Diese gekonnte Kombination aus höflicher Geste und Fäkalsprache ist genial.

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Quellen